Vorlauftemperatur bei der Wärmepumpe: Welche braucht mein Haus?
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Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Vorlauftemperatur ist die Temperatur, auf die die Wärmepumpe das Heizwasser bringt, bevor es in Heizkörper oder Fußbodenheizung fließt. Je niedriger, desto effizienter – sie ist die Kennzahl für die WP-Eignung.
- Richtwerte im Auslegungsfall: Fußbodenheizung ~35 °C, sanierte/größere Heizkörper 45–55 °C, unsanierter Altbau 55–70 °C.
- Faustregel: Jedes Grad weniger spart rund 2,5 % Strom. 35 statt 55 °C senken den Stromverbrauch um rund ein Drittel.
- Im echten Bestand maß Fraunhofer ISE im Schnitt nur knapp 44 °C (Luft/Wasser). Das Baujahr korreliert nicht mit der Effizienz – entscheidend sind Heizfläche und Anlagenqualität.
- Ob Ihr Haus passt, klärt nicht die Tabelle, sondern der 55-Grad-Test: alte Heizung auf max. 50–55 °C drosseln, alle Thermostate auf, an kalten Tagen prüfen, ob alle Räume warm werden.
Was ist die Vorlauftemperatur – und warum entscheidet sie über alles?
Die Vorlauftemperatur ist die Temperatur, auf die die Wärmepumpe das Heizwasser erwärmt, bevor es in die Heizflächen strömt – also in die Heizkörper oder die Fußbodenheizung. Das abgekühlte Wasser kommt als „Rücklauf" zurück. Je niedriger die Vorlauftemperatur, desto weniger muss der Verdichter das Temperaturniveau der Wärmequelle (Luft, Erdreich, Grundwasser) anheben – und desto weniger Strom verbraucht die Anlage.
Genau deshalb ist die Vorlauftemperatur die zentrale Kennzahl, wenn es um die Frage geht, ob sich eine Wärmepumpe in einem bestimmten Haus lohnt. Sie verbindet drei Dinge, die sonst getrennt diskutiert werden: den Dämmzustand des Gebäudes, die Größe der Heizflächen und die zu erwartende Effizienz (Jahresarbeitszahl, JAZ). Wer die nötige Vorlauftemperatur seines Hauses kennt, kennt im Grunde die Antwort auf „Passt eine Wärmepumpe zu mir?".
Warum niedrige Vorlauftemperatur gleich hohe Effizienz bedeutet
Der Zusammenhang ist keine Marketing-Faustregel, sondern reine Thermodynamik. Die Leistungszahl einer Wärmepumpe (COP, „Coefficient of Performance") ist durch den Temperaturhub begrenzt – also den Abstand zwischen der Wärmequelle und der gewünschten Vorlauftemperatur. Das theoretische Maximum beschreibt die Carnot-Leistungszahl:
COPCarnot = TSenke / (TSenke − TQuelle) (Temperaturen in Kelvin)
Dieser Idealwert ist stets größer als 1 – er gibt an, wie viel Wärme sich im besten Fall je eingesetzter Einheit Strom bewegen lässt. Reale Wärmepumpen erreichen davon etwa 40–55 % (der sogenannte Gütegrad). Der Kern: Je höher die Vorlauftemperatur (TSenke), desto größer der Temperaturhub (TSenke − TQuelle) im Nenner – desto kleiner der COP und desto mehr Verdichterarbeit. Aus dieser Physik folgt die bekannte Faustregel, dass jedes Grad weniger Vorlauftemperatur rund 2,5 % Strom spart (im Bereich 35–55 °C etwa 2,5–3 %, unter 35 °C sogar 3–5 %). Eine Absenkung von 55 auf 45 °C spart grob 25 % Stromkosten; ein Betrieb mit 35 statt 55 °C senkt den Stromverbrauch um rund ein Drittel (etwa 35 %).
In Zahlen für eine typische Luft/Wasser-Wärmepumpe (Richtwerte): bei etwa 30 °C Vorlauf liegt die JAZ als theoretischer Bestwert um 5,0, bei 55 °C bei rund 3,2, bei 70 °C nur noch bei etwa 2,2–2,8. Ab ungefähr 70 °C fällt die JAZ Richtung 2,0–2,5 – der Effizienzvorteil gegenüber einem Gaskessel schrumpft dann deutlich, bleibt rechnerisch aber meist bestehen.
| Vorlauftemperatur | JAZ (Richtwert Luft/Wasser) | Einordnung |
|---|---|---|
| ≤ 35 °C | ~ 5,0 | ideal (Fußbodenheizung) |
| ≤ 45 °C | ~ 4,0–4,5 | sehr gut |
| ≤ 55 °C | ~ 3,2 | gut, effizient möglich |
| 60–70 °C | ~ 2,2–2,8 | erst optimieren/dämmen |
Quellen: Bosch Home Comfort (JAZ-Tabelle), enpal.de, 42watt Magazin – abgerufen 03.07.2026.
Welche Vorlauftemperatur braucht mein Haus? Die Richtwerte
Als grobe Orientierung nach Gebäude- und Heizflächentyp – jeweils für den Auslegungsfall, also den kältesten Tag:
| Gebäude / Heizfläche | Vorlauf (Auslegung) | WP-Eignung |
|---|---|---|
| Neubau / gut saniert, Fußbodenheizung | 30–35 °C | ideal |
| Saniert/teilsaniert, größere oder Niedertemperatur-Heizkörper | 45–55 °C | effizient möglich |
| Unsanierter Altbau, kleine alte Gliederheizkörper | 55–70 °C | möglich, erst optimieren |
Die Merkregel dahinter lautet: so niedrig wie möglich, so hoch wie nötig. Wichtig ist aber, dass diese Tabelle nur eine Näherung ist. Sie sagt nichts Verbindliches über Ihr konkretes Haus aus – dafür braucht es den Praxistest weiter unten. Ein häufig übersehener Vorteil: Viele Altbauten haben über die Jahrzehnte überdimensionierte Heizkörper bekommen, die bei niedrigerer Vorlauftemperatur oft überraschend gut funktionieren.
Was Fraunhofer ISE im echten Bestand gemessen hat
Die verbreitete Sorge „mein Altbau braucht doch sicher 65 oder 70 °C" hält der Realität meist nicht stand. In der Feldstudie WPsmart im Bestand hat das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) 56 Wärmepumpen in Bestandsgebäuden über rund fünf Jahre vermessen (Messdaten bis Mitte 2019). Ergebnis: Die real benötigten maximalen Vorlauftemperaturen lagen im Schnitt bei knapp 44 °C bei Luft/Wasser-Wärmepumpen und etwa 45 °C bei Sole/Wasser-Anlagen. Das Fazit der Forscher: Wärmepumpen heizen auch in unsanierten und teilsanierten Bestandsgebäuden zuverlässig – ohne Sanierung auf Neubaustandard.
Die Nachfolge-Langzeitstudie WP-QS im Bestand (77 Wärmepumpen in Ein- bis Dreifamilienhäusern, vier Jahre) bestätigt das: Luft/Wasser-Anlagen erreichten im Mittel eine JAZ von 3,4, erdgekoppelte Systeme 4,3. Der zentrale Befund: Es gibt keine Korrelation zwischen Baujahr und Effizienz. Entscheidend sind Heizfläche und Anlagenqualität – Heizkurve und hydraulischer Abgleich –, nicht das Alter des Hauses.
Damit ist der Mythos „Altbau = hohe Vorlauftemperatur = Wärmepumpe ungeeignet" pauschal widerlegt. Ein gut eingestellter Altbau mit großzügigen Heizkörpern kann effizienter laufen als ein schlecht abgeglichener Neubau.

Der 55-Grad-Test: So finden Sie es selbst heraus
Statt sich auf Tabellen zu verlassen, können Sie die entscheidende Frage mit einem einfachen Selbsttest an Ihrer bestehenden Gas- oder Ölheizung klären. Der Test stammt von Zukunft Altbau, einem Programm des Umweltministeriums Baden-Württemberg (Veröffentlichung 20.01.2025). Er kostet nichts außer etwas Geduld an kalten Tagen.
- Heizkurve drosseln: Stellen Sie die Heizkurve Ihrer Heizung so ein, dass die Vorlauftemperatur 50 bis maximal 55 °C nicht überschreitet. (Der genaue Regler-Weg steht im Handbuch der Heizung oder kann vom Heizungsbauer eingestellt werden.)
- Alle Thermostatventile voll aufdrehen: In allen Räumen auf die höchste Stufe (bzw. Stufe 3, ca. 20 °C). Nachtabsenkung ausschalten.
- An kalten Tagen beobachten: Prüfen Sie an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen mit Außentemperaturen möglichst unter 0 °C über 24–72 Stunden, ob alle Räume angenehm warm werden.
Auswertung: Werden alle Räume auch bei Frost warm, ist das ein starker Indikator dafür, dass Ihr Haus für einen effizienten Wärmepumpenbetrieb geeignet ist. Als Zielmarke gilt: Bei etwa 0 °C Außentemperatur sollte die nötige Vorlauftemperatur idealerweise 45 °C nicht überschreiten.
Nützlicher Nebeneffekt: Besteht Ihr Haus den Test, kann die abgesenkte Heizkurve direkt an der alten Heizung bleiben. Die niedrigere Vorlauftemperatur reduziert die Wärmeverluste im Heizkreislauf und spart schon vor dem Wärmepumpen-Einbau Energie.
Test ausgewertet: der Entscheidungsbaum
Ein nicht bestandener Test schließt die Wärmepumpe nicht aus. Er zeigt nur, wo noch nachzubessern ist. Nutzen Sie diese Logik:
- Bestanden bei ≤ 55 °C: Ihr Haus ist geeignet. Die abgesenkte Einstellung kann bleiben.
- Knapp gescheitert (fast alle Räume warm): Zuerst Heizkurve feinjustieren und einen hydraulischen Abgleich durchführen lassen. Das reicht sehr oft.
- Einzelne kalte Räume (typisch Bad oder Nordzimmer): Nur dort die Heizkörper vergrößern oder gegen Niedertemperatur-/Gebläse-Heizkörper tauschen – nicht das ganze Haus umbauen.
- Global deutlich zu kalt: Dann lohnen Dämmmaßnahmen oder alternativ eine Hochtemperatur-Wärmepumpe.
Auslegungsfall vs. Alltag: warum 55 °C nicht 55 °C bedeuten
Ein zentrales Missverständnis: Wenn ein Haus im Auslegungsfall 55 °C braucht, heißt das nicht, dass die Wärmepumpe das ganze Jahr mit 55 °C läuft. Der Auslegungsfall gilt für den kältesten Tag – die Normaußentemperatur liegt je nach Region bei etwa −10 bis −14 °C. Solche Tage gibt es nur an einer Handvoll im Jahr.
Durch die witterungsgeführte Heizkurve senkt die Wärmepumpe die Vorlauftemperatur automatisch, sobald es draußen milder wird. An den meisten Heiztagen fährt die Anlage deshalb deutlich niedriger – häufig nur 30–40 °C. Deshalb bleibt die Jahresarbeitszahl hoch, obwohl der Auslegungswert bei 55 °C liegt. Wer nur den Maximalwert betrachtet, unterschätzt die reale Effizienz systematisch.
Vorlauf für die Heizung ist nicht der Warmwasser-Wert
Diese beiden Werte werden oft verwechselt. Für die Raumheizung sind niedrige Vorlauftemperaturen ideal. Für das Trinkwarmwasser muss die Wärmepumpe dagegen zeitweise höher gehen – etwa 55–60 °C, unter anderem zum Legionellenschutz. Das ist normal und beeinträchtigt die Heizeffizienz nur geringfügig, weil die höhere Temperatur nur kurzzeitig für die Warmwasserbereitung anliegt. Ein hoher Warmwasser-Wert ist also kein Argument gegen eine niedrige Vorlauftemperatur beim Heizen.

Vorlauftemperatur senken: die Hebel in der richtigen Reihenfolge
Wenn Ihr Haus etwas zu hohe Werte braucht, gehen Sie von billig nach teuer vor. Oft macht schon der erste Schritt das Haus wärmepumpentauglich:
| Maßnahme | Effekt (Richtwert) | Kosten |
|---|---|---|
| Heizkurve abflachen/optimieren | oft am meisten | 0 € |
| Hydraulischer Abgleich | −3 bis −5 °C | gering (oft Fördervoraussetzung) |
| Einzelne größere / Niedertemperatur-Heizkörper | −5 bis −10 °C je Raum | mittel |
| Dämmung Dach / Fassade / Fenster | −10 bis −15 °C | hoch |
In vielen Bestandshäusern genügt die Kombination aus optimierter Heizkurve und hydraulischem Abgleich, um die nötige Vorlauftemperatur ohne baulichen Eingriff spürbar zu senken.
Für Ihre Region rechnen lassen
Ob sich der Umstieg bei Ihren örtlichen Strompreisen und Förderbedingungen lohnt, hängt vom konkreten Standort ab. Auf den lokalen Stadt-Seiten von Wärmepedia finden Sie regionale Richtwerte, und ein Fachbetrieb kann die nötige Vorlauftemperatur exakt ermitteln.
Wärmepumpen-Angebote vergleichenWann eine Wärmepumpe (noch) nicht ideal passt
Ehrlich bleibt: Hohe Vorlauftemperaturen von 65–70 °C sind vor allem in vor 1980 gebauten, energetisch nicht sanierten Häusern mit sehr kleinen, alten Gliederheizkörpern nötig. Auch dann ist eine (Hochtemperatur-)Wärmepumpe rechnerisch meist noch effizienter als eine Gasheizung, arbeitet aber mit spürbar niedrigerer JAZ und höheren Stromkosten. Der Kostenunterschied ist erheblich: Bei 20.000 kWh Wärmebedarf und 30 ct/kWh kostet der Betrieb bei 35 °C (JAZ ~5,0) rund 1.200 €/Jahr, bei 65 °C (JAZ ~2,5) etwa 2.400 €/Jahr – rund 1.200 € Unterschied pro Jahr, allein durch die Vorlauftemperatur.
In solchen Fällen lohnt es fast immer, vor dem Einbau zumindest Heizkörper zu ertüchtigen und das Dach zu dämmen. Wirtschaftlich gilt eine Wärmepumpe grob ab einer JAZ von etwa 3,0. Wer diese Marke auch nach Optimierung nicht erreicht, sollte den Umstieg mit einer soliden Fachplanung und ggf. Sanierungsschritten kombinieren.
Häufige Fragen
Welche Vorlauftemperatur braucht mein Haus?
Was ist der 55-Grad-Test?
Ist ein Altbau automatisch ungeeignet für eine Wärmepumpe?
Wie stark sinkt der Stromverbrauch pro Grad weniger?
Warum ist niedrige Vorlauftemperatur effizienter?
Brauche ich für Warmwasser nicht ohnehin 60 °C?
Was tun, wenn mein Haus den Test knapp nicht besteht?
Läuft die Wärmepumpe das ganze Jahr auf 55 °C?
Quellen
- Fraunhofer ISE – Feldstudien „WPsmart im Bestand" (56 Wärmepumpen, maximale Vorlauftemperaturen im Mittel ~44 °C Luft/Wasser, veröffentlicht 2020, Messdaten bis Mitte 2019) und „WP-QS im Bestand" (77 Anlagen, JAZ 3,4 / 4,3, keine Baujahr-Korrelation).
- Zukunft Altbau (Umweltministerium Baden-Württemberg) – „Test: Ist mein Haus fit für eine Wärmepumpe?" (55-Grad-Test), 20.01.2025.
- Bosch Home Comfort – Vorlauftemperatur Wärmepumpe, JAZ-Tabelle, witterungsgeführte Regelung (abgerufen 03.07.2026).
- energie-experten.org – Vorlauftemperatur, COP/JAZ-Zusammenhang (abgerufen 03.07.2026).
- heizungsfinder.de – Kostenrechnung 35 °C vs. 65 °C (abgerufen 03.07.2026).
- enpal.de – Effekt-Richtwerte der Senkungsmaßnahmen, JAZ bei hoher Vorlauftemperatur (abgerufen 03.07.2026).
- priwatt.de und 42watt Magazin – Richtwerte nach Gebäudetyp, Carnot-Herleitung (abgerufen 03.07.2026).